Linde Bischof 

 

Farbe und Linie

Als Theodor Däubler in einem seiner wegweisenden Aufsätze zur Kunst formulierte, die Farbe sei "aus dem Unterirdischen zum Tagen berufen, eine Flammengeburt", bezog er es auf Matisse. Dass nicht nur Malerei, sondern auch Zeichnung ihrem Wesen nach Betonung und Behauptung der Farbe sein kann, dafür steht nicht allein dieser französische Patriarch der Moderne.

Seit vielen Jahren bewegt sich Linde Bischof auf den Spuren von Ausdrucksweisen, die vielfarbig sind, jedoch bloßer Buntheit widersprechen. In ihren bis zu Meterhöhe aufsteigenden Gemälden wie auch den kleineren graphischen Zeugnissen auf zumeist getönten Papieren hat der Farbfleck mit lockerer Selbstverständlichkeit Platz genommen. Dessen Größe und Intensität konstituiert die Bildfläche im Sinne einer lebendigen, weit gefächerten Skalierung der Töne als einen spannungsreichen Raum unentwegten Spiels kräftiger Linien des Figürlichen. Sattes Gelb, kräftiges Grün und Blau treffen auf Altrosa, Terra oder Weiß.

Linde Bischof arbeitet am Modell wie aus dem Kopf. Unaufdringlich beobachtend nähert sie sich mit Neugier und Geduld ihrem Gegenüber, um dann entschlossen ihre Entscheidung für alles Wesentliche zu treffen. Fragmentarisches wird wieder zu einer Einheit geführt. Klar durchdacht, doch auch spontanen Eingebungen vertrauend, strömt untergründig und mit linearem Schwung leuchtende Primärfarbe aufs Papier. Sie bringt allen Eingebungen nötigen Halt - Inhalt. Die scheinbar äußere Beschreibung von Gestalt oder Interieur, z. B. einer Landschaft mit Figur, ist dazu angetan, das Dahinter zu entdecken. Die Künstlerin führt es mit Gespür für die Balance von Realität und Fantasie ins Bild.

 

 

Bei aller Reduktion eingesetzter Mittel überrascht die Tiefe ihres Blicks im jeweiligen Werk. Verschiedene Ausdruckstimmungen und Deutungsebenen sind freigelegt.

Cranach-Dame und Katzenauge, mit nur wenigen Strichen formt Linde Bischof ihre Figuren. Charakteristisch für die menschlichen Gesichte ist der frontale, leicht geneigte Blick: das Oval der Köpfe schweigend, aber nicht verschlossen. Diese inneren Porträts sind lesbar als subtile Gedankenlandschatten, die Licht und Schatten werfen. Zeitlos wirken sie, doch die Künstlerin verbindet in ihnen unterschiedliche Erfahrungen des vielschichtigen Zeit- und Raumgefühls. Als Notate tagebuchartig geführt, kommen Vergangenheit und Gegenwart, Alltag und Fest, Tag und Nacht, Literatur, Theater und Musik zusammen. Zahlreiche Quellen wachsen zu einem Ganzen, ohne die Idealform zu erreichen.

Neben Vitalität schwingt in den expressiven Kunstgestalten auch Widersprüchliches, Druck und Verlust vom täglichen Kampf um Chancengleichheit im irdischen Dasein. Zu den fröhlichen, von Aufbruch und Glücksmomenten kündenden weiblichen Akten in sinnlichen Tanzbildern gesellt sich die hoch über dem Kopf den Atlas tragende Karyatide aus dem Jahr 1997. Diese archaische, aufrechte Stützfigur wächst in Linde Bischofs Verwandlung und Vision aus kraftvoller schwarzer Kontur aber auch viel warmem Gelb im Umfeld und sogar ein wenig lichthellem Blau des Südens zum Symbolzeichen und Sinnbild des Möglichen, nicht mühelos Erreichbaren.

Astrid Volpert
Text zum Katalog "Linde Bischof - Malerei", Berlin 2010






Linde Bischofs Bilder sind eine zärtliche frauliche Berührung des Lebens, und durch ihre Fingerspitzen fühle ich die pulsierende Wahrheit, diese wunderbare Quelle des Lebens, ohne die keine Kunst entstehen kann.

Algimantas Švegžda, 1985

 





  Die neueren Arbeiten von Linde Bischof sind von einer intensiven Farbigkeit gekennzeichnet, dem Reduzieren auf Farb-Drei- und -Zweiklänge und Hell-Dunkel-Kontraste, ... Es überwiegen spielerisches und freies Handhaben des Pinsels, der sowohl in Flächen als auch in Linien Daseinsbilder zaubert.

Heino Sauerbrey






Claudia Zabel

Lykische Befunde

Periodisch kommt nach Lykien (Landstrich in Kleinasien)
eine Hochgewachsene aus Europens Norden
- Versucherin der Linie
- Liebhaberin der Farbe

und diese Person
(nichts Besseres zu tun?)
ergeht sich in Lykien
(mit seinem Meer und seinen Bergen)
spielt mit dem Leichten und dem Schweren,
dem Klaren und Verworrenen…

Was so da ist, wenn man da ist …

Zuerst tat ihrs der Mensch:
Sanfte Mandelaugen, schwarze Männerbrauen,
schwingende Hüften, Schleiertänze dicker Frauen
- das Orientalische.
Dann, Mensch beiseite, kam sie aufs
- Animalische.

  Köter, die sich necken,
Katzen, die sich strecken.
Meist liegen sie darnieder,
harmlos, schläfrig, einfach nur so da,
dann fahr'n sie hoch, bestialisch dem Andern ins Gefieder,
o blinde Triebnatur - wie's immer war.

Indes der Mensch in Lykien
sieht in seinem Neid - wie's immer war -
dem Tiere nicht die holde Ruhe nach.
Ja, es gab Fälle von Giftmord in Lykien.

Papiere, bunt und feucht,
sind auf dem Tisch gebreitet.
Die Katze, die dort schreitet,
stempelt sie mit ihren Pfoten:
Ausfuhr nicht verboten!

Man weiß nie, ob man sich wiedersieht.


form Cl. Z. to Li. Bi.
31.2.14     in der zweiraumwohnung